Erinnern sollte nicht zur Denkmalspflege verkommen

«Unser tägliches Leben ist ein beständiges Schreiten durch die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Zukunft», schreibt Hans-Georg Gadamer in «Die Aktualität des Schönen» und macht darauf aufmerksam, daß Mnemosyne, die Muse des Gedächtnisses, die Muse der erinnernden Aneignung, zugleich die Muse der geistigen Freiheit sei.

Ziele
In der gegenwärtigen Zeit, in der sich die Hochschulen in einem radikalen Umwandlungsprozeß befinden und die Studienanforderungen verschärft und verschult und Studienzeiten drastisch gekürzt und zugleich Studiengebühren eingeführt werden, wandelt sich auch in der Konsequenz die studentische Kultur. Die Freiräume für kulturelles Engagement neben dem Studium werden enger bzw. gänzlich aufgehoben. Gerade jetzt drohen Ergebnisse wichtiger kulturpolitischer Aktivitäten und Engagements in Vergessenheit zu geraten und für zukünftige Studentengenerationen verlorenzugehen. 

Das Studium wird zweckrationaler und funktionaler organisiert; besser und schneller überprüfbare Ergebnisse, schnelle Abschlüsse stehen im Vordergrund. Raum für Vertiefungen, Assoziationen und Vernetzungen wird eingeengt. Gerne sprechen wir auch von «verschultem» Wissen. Aber die Frage, was denn am «verschulten Wissen» so schlecht sei, können viele schon gar nicht mehr pointiert und schlüssig beantworten.
So entwickeln sich Forderungen der Proteste zu Phrasen und werden durch die Zeit ausgehöhlt. Hier muß das KulturArchiv seine Ansatzpunkte für politische Bildungsarbeit finden und die Grundlagen für diese Arbeit schaffen.
Neben individuellem, auf Lebenszeit und Lebensumstände beschränktem Gedächtnis braucht eine Gesellschaft als soziales und kulturelles Gedächtnis immer auch die institutionalisierten Speicherkapazitäten von Archiven, Bibliotheken, Museen und digitalen Netzwerken und natürlich auch die orale epische Übermittlung von Ereignissen. Immer mehr sind auch die elektronischen Medien, insbesondere das Fernsehen dazu übergegangen, die Rolle eines kollektiven Gedächtnisses zu übernehmen. Wenn man bedenkt, daß die Tagesschauredaktion aus etwa einem 24-stündigen Nachrichtenmaterial pro Tag aus aller Welt die Nachrichten des Tages zusammenstellt, die fünfzehn Minuten Sendezeit beanspruchen, kann man sich die kulturelle Amnesie in etwa vorstellen. Diese kulturelle Amnesie betrifft insbesondere all jene Bereiche, die es weder ins Fernsehen noch ins Radio bringen.

Sowohl individuelles als auch gesellschaftliches Leben kann als ein beständiges Schreiten durch die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Zukunft gesehen werden. Ein Schwund an kultureller und politischer Bildung entsteht dort, wo Gedächtnisräume musealisiert oder gar nicht erst eingerichtet werden, -wenn politische und kulturelle Tagesarbeit auf den Aktionstag beschränkt bleibt und ohne ein Wiederhall in der Erinnerung in der Finsternis des Vergessens verschwindet. So können sich aus individuellen oder sozialen Erlebnissen sozio-kulturell betrachtet keine Erfahrungen entwickeln, weil sie in kein soziales und kulturelles Gedächtnis übergehen und gespeichert und damit auch dem reflektierenden, auswertenden Zugriff zugänglich gemacht werden. Ein bewußtloser Taumel von Aktionismus und die immer währende Neuerfindung des Rades greifen um sich, wo eine kontinuierliche Entwicklung vonnöten wäre, zumal die immer komplexer werdenen technischen, ökonomischen, ökologischen und soziokulturellen Strukturen die Ansprüche an eine rationale und pragmatische und weniger kontingente, spontan auf die Tagesereignisse reagierende Politik erforderlich machen. Studentische Politik, Interessensvertretung und Kulturarbeit laufen Gefahr, in der natürlichen Diskontinuität der Bewußtlosigkeit fragmentiert und ausgelöscht zu werden.

Der natürlichen Entropie, der auch gesellschaftliche, politische und kulturelle Phänomene ausgesetzt sind, kann nur durch einen bewußten kulturellen Aufwand an Hege und Pflege entgegengewirkt werden.

Dieser Aufgabe möchte sich der Bundesverband für Studentische Kulturarbeit (BSK e.V.) aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen und Materialien annehmen und ein Archiv für Studentische Kulturarbeit einrichten. Dieses Archiv soll ein Beitrag zur politischen und kulturellen Bildung der studentischen Interessensvertreter sein und auch allen anderen Interessierten offenstehen.

Das Archiv widmet sich der Untersuchung, Thematisierung und publizistischen Aufarbeitung der Interdependenzen zwischen Kultur, Bildung und Wissenschaft.

Es werden im Archiv Fotografien, Plakate, Dokumentationen, Zeitungsartikel, Zeitschriften und Adressen gesammelt, Bibliographien erstellt und Symposien, Ausstellungen und Dokumentationen organisiert und die Arbeit im Internet präsentiert. Nach Möglichkeit werden Dokumente und Materialien in einem elektronischen Datenarchiv allen Interessierten zugänglich gemacht. Auf Anfrage steht das Archiv auch allen Menschen offen, die nach Terminabsprache für Forschungs- und Bildungszwecke im Archiv recherchieren wollen. 

Anfragen bitte an: Uri@Schreibhaus.de

Stand: 20. Mai 2010