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05. Juli 2010
Was bewegen und bewirken die Bildungsstreik-Aktivisten und jene, die diesen Aktivisten mit Aktivitäten folgen? Wie sehen die Ziele, die Erfolgsaussichten, ja, wie sieht überhaupt die Messlatte für den Erfolg aus? Zum Teil diskutiert die Bewegung das selbst und durchaus kontrovers. Die Bewegung braucht Analysen für ihre Perspektive aber auch Analysen für die Grundlagen ihrer Forderungen. Seit über einem Jahr sammelt das Archiv für Kulturarbeit Material über die Bildungsstreik-Bewegung. Zu einer Auswertung ist es bisher nicht gekommen. Vielleicht gibt die BSZ-Debatte einen Motivationsschub. Zunächst aber schauen wir zurück in die Tiefen des Archivs und kramen hervor, was durchaus Aktualität besitzt: NACHSPIEL - Zeitung für Theater und Wissenschaft. Ein Ergebnis der ersten Auseinandersetzungen um das 1989 gegründete Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Die Vorgeschichte dieser Institutsgründung ist auf jeden Fall auch eine Betrachtung wert. Doch dazu später. Zunächst einmal dokumentieren wir die drei Ausgaben des NACHSPIELs, wonach den MacherInnen die Puste ausging, nicht zuletzt deswegen, weil es ihnen nicht gelang, die politische Notwendigkeit eines solchen Mediums plausibel und evident zu machen. Indirekt gehört hierzu auch der Versuch eines Paradigmenwechsels im AStA-Referat für Kritische Wissenschaften in Bochum. 1988/89 sollte das Referat eine stärkere hochschulpolitische Orientierung bekommen und den Elfenbeinturm der Frankfurter Schule sprich der Kritischen Theorie à la Adorno/Horkheimer, Habermas und Marcuse verlassen und sich auch nicht mehr auf Antisemitismusforschung reduzieren. Der Druck auf die "Geisteswissenschaften" war so groß geworden, dass neue Synergien zwischen Hochschul-, Kulturpolitik und Kritische Wissenschaften notwendig gewesen wären. In diesem Sinne und in dieser Überzeugung wurden Papiere verfasst und Resolutionen für die Uni-VollVersammlungen in Bochum vorgelegt. Studienverschärfungen und Mittelkürzungen und ewiges Kritikastern an den "Geisteswissenschaften" mit ihren Langzeitstudierenden hat eine lange Geschichte. Im Übrigen war die Institutsgründung der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften eine professorale Reaktion auf den politisch aufgebauten Druck und Legitimationszwang, der nur noch nach Absolventenzahlen fragte. Nicht, weil irgendjemand aus der Politik das Wohl der armen immer älter werdenden Studierenden im Auge oder Sinn hatte, sondern weil alle der naturwissenschaftlich-technischen Kultur zum Endsieg verhelfen wollten. Mit der Einführung der B.A.-Idee und des Studiengangs auf Probe spielte Bochum nicht nur eine Vorreiterrolle, zugleich war damit signalisiert, dass die Professorenschaft bereit war, an der Liquidierung der eigenen Fächer aktiv mitzuwirken. Das Material dazu verstaubt noch im Archiv und wartet darauf, ans Tageslicht gefördert zu werden. 21. Mai 2010 Ein beständiges und kontinuierliches Arbeiten ist dem KulturArchiv leider noch immer nicht vergönnt. Sowohl redaktionell als auch in der Form der Präsentation der Inhalte war in den vergangenen 11/2 Jahren kein Fortschritt zu verzeichnen. Auch das lange Vorstandswochenende mit den Kollegen Olaf Walther und Till Petersen im Februar 2010 hat keine wirklichen Früchte getragen. Es wurden Beschlüsse gefasst, diese aber nur in einem kleinen Teil umgesetzt. Das Bestreben von der Archivseite her aber besteht immer noch, Aktivitäten zu entfalten, nicht auf-, sondern Gas zu geben! Lagen die Schwerpunkte der Arbeit des BSK in der Vergangenheit eher im studentischen Theaterbereich, muß dieser sich nun verschieben in Richtung Textproduktion, weil das KulturArchiv arbeitstechnisch, organisatorisch und strukturell nun in der Nähe des Schreibhauses angesiedelt ist. Die «Aktion der Theorie» stellt sich also in den Vordergrund, wie eine alte Broschüre und Textsammlung des BSK sich selbst nannte. Die zweite Hälfte des Jahres 2010 soll also der Aktion der Theorie gehören, nachdem die erste Hälfte dem Winterschlaf gewidmet war. 15. Januar 2009 Das vergangene Jahr war gekennzeichnet von der Einrichtung des Archivs im Textzentrum-Essen nach dem Umzug zur Jahreswende 2007-2008. Der Aufbau hat sich wegen Personal- und Geldmangel verzögert und leider nicht so schnell entwickelt, wie wir es haben wollten. Zu der Misere trugen auch ungehaltene Unterstützungsversprechen von einem «befreundeten» Verband bei, der sich in der Tagespolitik, hineingetrieben durch die Karrierefreudigkeit von Parteijugendlichen, zu verlieren droht. Diesem Verband laufen auch die Mitglieder, die studentische Körperschaften sind, teilweise weg. Inhaltliche Arbeit ist in der Tagespolitik wenig gefragt: Pressewirksame Auftritte, Demonstrationen und bestenfalls Podiumsdiskussionen sind okay. Was darüber hinaus an substanzbildenden Aktivitäten vorbereitet und durchgeführt wird und was sich eher im Hintergrund abspielt, interessiert Funktionäre und die es werden wollen, nicht so sehr. Das hat weniger mit Personen als mit Strukturen zu tun, in die junge Menschen hineinwachsen und die sie vorfinden. Das halten sie dann für die Wirklichkeit und zwar für die einzig mögliche. Die Aufgabe des Kulturarchivs aber ist genau solchen Phänomenen der politischen Bildung und Praxis auf den Grund zu gehen, sie zu benennen und zu beleuchten - nicht zu verdammen, sondern zu analysieren. Unter dem Strich kann ja nicht herauskommen, daß Demonstrationen überflüssig und Theorie das Allheilmittel sei! Es reicht schon, wenn der Theoriebildung geschützte Freiräume zur Verfügung gestellt werden und sie nicht durch falsche Versprechen und undemokratische Vorstandsentscheidungen gegen Mitgliederversammlungsbeschlüsse behindert wird. Zur theoretischen, kritisch analytischen Kleinarbeit werden sich nicht allzu viele Menschen bereit erklären. Das hat etwas Langweiliges und Langwieriges. Aber genau das hat auch etwas mit Kultur und Kulturarbeit zu tun. Es geht nicht darum, «nur» Theaterstücke und Festivals oder Feten zu organisieren. Die Veranstaltungen sorgen für eine bestimmte gesellschaftliche und damit auch politische Atmosphäre, sie folgen Ideen und Idealen und vermitteln sie auch anderen - ob direkt als Agitation und Propaganda oder indirekt und subtil als Denkanstöße und Phänomene, die man durch die Brille der Kultur anders zu sehen beginnt. «Aufklärung» ist hierfür ein recht eindimensionales und zu rationalistisches Wort. Die platonische Tiefe und Konfliktbeladenheit der «Aufklärung» empfindet die aufgeklärte Moderne des Medienzeitalters nicht. Was übrig bleibt ist Geflimmer und Geplapper oder lästige und belästigende, weil klugscheißende Agitprop. Schließlich ist selbst bei ernst genommener «Aufklärung» nicht nur eine vor sich hin argumentierende und syllogierende Vernunft auf den Gleisen evidenter Algorithmen tätig. Die Sensibilität für die Atmosphäre insgesamt ist davon betroffen, wenn Kunst und Kultur politisch zu wirken beginnen. Die Gefahr ist groß, daß man dies mit Demagogie verwechselt; Die Menschen sollen nicht überzeugt, sondern überredet werden, könnte man denken. Nein, bei gelungener Kulturarbeit, in der Kunst in allen Formen eingesetzt wird, geht es darum, Menschen für das Vernünftige zu begeistern: für eine menschliche Gesellschaft, die frei von Ausbeutung, Unterdrückung, Erniedrigung, Neid, Haß und Gewalt ist. Kulturarbeit soll nicht nur unterhalten; auf gar keinen Fall aber darf sie langweilen. Eine Kunst, die moralisch «auf der richtigen Seite» steht, ist nicht automatisch gute Kunst. Kunst muß in erster Linie ästhetisch ernst genommen, also nicht als Belehrungs- und Überzeugungsinstrument betrachtet werden, und zugleich jenseits aller Instrumentalisierung muß sie von einer Idee durchsetzt und getragen sein, ohne daß diese Idee in dem Kunstwerk selbst als Moral zu explizieren wäre. Ob das nun der Ästhetik letzter Schluß sei, darf auch bezweifelt werden. Wichtig ist nur, daß der Diskurs nicht abreißt und verstummt. Damit er nicht unter der Lawine der alltäglichen Geschäftigkeit und Geschwätzigkeit erstickt wird, gibt es u.a. die Arbeit des Kulturarchivs. Es bleibt zu hoffen, daß sie ehrliche, zuverlässige und gute Freunde findet. Uri Bülbül
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